Das Leben über den Wolken

Ein Interview mit einem Flugbegleiter einer internationalen Airline über die Thematik GrenzErfahrungen. Ein Einblick in eine andere Welt.
(Das Interview wurde bei dem Wortlaut belassen und ggf. nur etwas gekürzt. Die Fotos sind original Reisebilder.)

Das Leben über den Wolken.

Als Flugbegleiter hast du jeden Tag eine herausfordernde Situation, was diesen Beruf auch so interessant macht. Jeden Tag arbeitest du mit einem neuen Team und begegnest neuen Menschen. Es kann sein, dass der Flug interessant und lustig wird, es kann auch sein, dass der Flug eine einzige Katastrophe wird, wenn einmal ein Stein ins Rollen gebracht wird. Alles ist möglich. 

Was ist deine herausforderndste Situation als Flugbegleiter gewesen? 

„Eine Situation, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist, fand auf einem Flug von Dubai nach Hamburg statt. Wir hatten den Service gerade beendet, als meine Kolleginnen in der hinteren Galley von einem Mann erzählten, der sich auf einem Gangplatz im vorderen Teil der Kabine befand. Er trank anscheinend zu viel und wirkte auf meine Kolleginnen sehr seltsam. Immer wieder bestellte er einen Whiskey mit Eis und je mehr er bestellte, desto weniger wollten wir ihm Alkohol servieren. Erstens aus Sicherheitsgründen, zweitens aus gesundheitlichen Gründen und um die Ruhe für andere Passagiere zu gewährleisten.

So kam es, dass eine meiner Kolleginnen, die für die hintere Kabine verantwortlich war, mich zu diesem Mann brachte um als Übersetzer zu helfen. Sie begann streng mit der formellen Warnung und dem Alkoholverbot, welches wir immer aussprachen, wenn wir den Eindruck haben, dass die Sicherheit nicht gewährleistet sein könnte. Der Mann murmelte: „Ich trinke, um zu vergessen!“

Wir sahen uns etwas verunsichert an. Der Mann sah uns mit traurigen Augen an und erzählte, dass er seinen Sohn in Bangkok verloren habe und er ihn jetzt nach Hause bringt.

Damit hatten wir beide nicht gerechnet und meine Purserin rang mit den Tränen. Sie schämte sich unglaublich, dass sie so unkontrolliert gehandelt hatte. Der Mann packte meine Hand und brach in Tränen aus. Ich nahm ihn dann mit nach hinten, um etwas Abstand zu den anderen Passagieren zu haben. In solchen Situationen cool zu bleiben, braucht extrem viel Energie, wie ich später herausfand. Ich hatte das Gefühl, dass ich in der Situation komplett alleine war, da meine Kolleginnen sich vor ihren Emotionen versteckten und nichts damit zu tun haben wollten. Der Mann umarmte mich nach der Landung und ich verarbeitete den Tag damit, mir zu verstehen zu geben, dass ich heute eigentlich nur meinen Job gemacht hatte.“

 

Was vermisst du in deiner Arbeit? Gehen die Menschen gut mit euch um? 

„Am meisten vermisse ich den Respekt der Passagiere gegenüber uns Flugbegleitern. Wir werden je nach Kultur als nervende arrogante Menschen angesehen. In anderen Kulturen, die ich nicht weiter erörtern kann, werden wir auch regelrecht wie Sklaven behandelt. Natürlich lassen wir uns das nicht gefallen aber in Uniform müssen wir trotzdem das Problem diplomatisch lösen können. Das kann nicht jeder. Und nicht einmal ich kann bei manchen Situationen so locker bleiben, weil mich die Menschen teilweise so aufregen, dass ich am liebsten die Tür öffnen und aus dem Flugzeug springen würde.

Ich erinnere mich an einen Flug, wo ich gerade mit dem Getränkeservice begonnen hatte und ich das Ehepaar nach den Getränkewünschen fragte. Der Mann antwortete kurz und knapp, seine Frau ließ meine Frage kalt. Sie schaute nicht einmal auf und als ich die Frage wiederholte, herrschte mich ihr Ehemann an: „She will get an orange-juice and do not talk to her, my wife doesn’t speak to servants!“

Das lässt mich bis heute nicht los. Aber es passierte jeden Tag und trotzdem liebe ich meinen Job. Doch Hass und Liebe sind häufig eng beinander.“

Hattest du Grenzerfahrungen in deinem Job? 

„Grenzerfahrungen – ja, und zwar einige. Speziell wenn es um andere Freunde und Menschen ging. Vielleicht auch speziell in der Community unserer Airline. Wir Flugbegleiter sind immer überall und nirgends. Wir sind mit so vielen Menschen vernetzt und umgeben und doch sind wir manchmal die einsamsten Individuen auf Erden. Man lernt wunderbare Menschen am anderen Ende der Welt kennen. Bricht aus dem Nichts in deren Leben ein und nach maximal zwei Tagen verschwindet man wieder, nachdem man die schönste Zeit miteinander verbracht hat. Eine Zeitreise jedes Mal. Man bleibt über Facebook und Social Media vernetzt, doch jeder lebt sein Leben weiter und ob man sich jemals wieder sieht, das weiss man nie. Das sind Grenzerfahrungen, die mich jedes Mal zum denken bringen.“

 

Welche Grenzerfahrungen kennst du noch aus deinem Leben?

„Das muss ich länger überlegen: Vielleicht die Schulzeit im Allgemeinen, die ich so abgrundtief gehasst habe.“

 

Was bedeutet für dich Grenzerfahrung persönlich? 

„Ein gutes Sprichwort um Grenzerfahrung zu beschreiben ist wohl: „What doesn’t kill you, makes you stronger!“ Man muss sich den negativen Seiten manchmal stellen und Lehren daraus ziehen.“

 

Wie hat dich diese Grenzerfahrung verändert? 

„Ich habe von meinen Grenzerfahrungen gelernt, dass sich alles jederzeit und immer ändern kann, daher sollte man jeden Moment genießen und von jeden Menschen, die man trifft lernen und das Beste für sein Leben mitnehmen.“

 

Was gibt dir Kraft? 

„Man sollte sich immer im Klaren sein, dass wenn man an sich selbst glaubt und nicht immer versucht, andere Menschen zu imitieren, sehr wohl erfolgreich wird und werden kann. Manche glauben, wenn man Menschen imitiert, die erfolgreich sind, wird man automatisch auch glücklich, das habe ich getan und ich kann sagen, mich hat es nicht glücklich gemacht. Erst der Schritt, mich selbst zu einem zu machen, der Menschen animiert, sich mit meiner Persönlichkeit zu imitieren, machte mich schließlich glücklich und kraftvoll, denn dann gibt es nichts mehr, auf was man schauen muss. Man selbst ist für sein Glück verantwortlich.“

 

Was möchtest du anderen Menschen mit auf ihren Lebensweg geben? 

„Das Beste, was ich nach diesen Lebenserfahrungen jemanden mitgeben kann oder möchte ist dieser Satz, der mich bis heute inspiriert. „Life is a game…play it well!“ Und ja, es ist so: Das Leben ist ein Spiel…und jeder hat es selbst in der Hand.“

Vielen Dank dir für die Inspiration und vor allem dafür, dass du andere Menschen an deinem Weg teilhaben lässt. 

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